JOHN GREER
JOHN GREER

Den Kopf wenden

 

Die Ausstellung "Connected Works"/"Verwandte Arbeiten" 1986, war ein Signal für eine Wende in Greer's Arbeit. Vor allem stellte sie einen formalen Bruch in Bezug auf seine bisherigen künstlerischen Aussagen heraus. Nach einem 5-monatigen Aufenthalt in Italien kehrte Greer mit einer Reihe von Arbeiten in Stein und Bronze zurück, die auf einer wesentlich bildhauerischen Ebene wirken (im Gegensatz zu den vorhergehenden Objekt-Installationen, die nur Elemente der Plastik nutzten). Das Material des Alltags wurde zugunsten von substanziellem und wertvollem Material verworfen, das mit Geschichte von Bildhauerei und plastischer Kunst aufgeladen ist. Anstelle es als Medium der Referenz zu nutzen, fing Greer an das Potenzial von Stein und Bronze als Substanz zur Formgebung durch seine Präsenz im Raum herauszuarbeiten. Greer hat bewusst Italien für eine intensive Auseinandersetzung gewählt; dort hat Marmor einen anderen Stellenwert, denn er ist im Überfluss vorhanden und vergleichbar billig als Rohmaterial.

 

Aus einer konzeptuellen Richtung kommend ist Greer sich der Problematik der "Verführung" bewusst, die mit traditionellen Materialien wie Stein und Bronze verbunden ist. Diese Thematik hat ihn sogar noch gereizt. Er nennt es die Problematik des "mere"/"bloß", und beschreibt es als die Furcht der Menschen vor Eleganz als oberflächliches Attribut ohne Bedeutung für das Wesentliche des "Seins"; so, dass man zögert, sich tiefer mit Arbeiten zu beschäftigen, die Material nutzen, welches dieses beschriebene Potenzial trägt. Anstatt aber das Material zu verdammen und dieses Vorurteil, den reduzierten Ansatzpunkt zu übernehmen, sieht Greer diesen Umstand als Vorteil. Wenn jemand argwöhnisch gegenüber Marmor und Bronze ist, dann kann das nur ein Pluspunkt sein: Es versetzt in Alarmbereitschaft und in einen Grad des bewusst - seins. - ein notwendiger Ausgangspunkt für eine bewusste Begegnung mit einem Kunstwerk. “Ich wollte außerdem wissen, ob ich damit umgehen könnte, ob ich von dem Material verführt werden würde. Ich denke, ich habe mich selbst getestet, um zu sehen, ob ich etwas Relevantes mit einem so aufgeladenen Material machen kann.” (John Greer)55.

 

Trotzdem war und ist Greers grundlegendes Anliegen immer noch tief in der konzeptuellen Äußerung verwurzelt. Die Ideen und Mitteilungen, die Greer überbringt, sind dem Leben als ein tiefgründiges und bewusstes, Persönliches "sich Einbringen" verschrieben. Mehr als je zuvor ist Kunst für ihn "dem Leben einen Sinn geben". “… wenn ich etwas hervorbringe ist es aus einem Erlebnis entstanden. Ich möchte in den Dingen die ich mache dieses Erlebnis manifestieren, die Energie die daraus entsteht. Ich möchte dies nicht nur illustrieren, ich möchte selber in den Werken sein. Dann stelle ich das Werk aus und hoffe jemandem eine bedeutungsvolle Begegnung zu ermöglichen, die diese Person auch mitnehmen kann, um an der Welt teilzunehmen.” (John Greer)56

 

Die Bildsprache und die Symbolik, die Greer in seiner "Sprache der Dinge" aufnahm, sollte eine beständigere und stützende Buchstabierung und Grammatik finden. Das "Kunst-Ereignis" als Erfahrung sollte aus der Abhängigkeit des alltäglichen Lebens als seinem Motor befreit werden. Greer nahm eine Sprache auf, die immer noch in die Zufälligkeit des Seins passt, aber ein Potenzial für eine Identifikation ist. Greer macht immer noch Dinge, aber anstatt sie auf eine Ebene mit uns und unserer Erfahrung zu stellen, um Relevanz zu gewinnen, ist er selbstbewusst genug, die Lebensumstände umzudrehen, und so stellt er uns auf eine Ebene mit seinen Objekten.

 

Seine Bilder werden oft als die einer Bildwelt missverstanden, welche auf eine Zweidimensionalität beschränkt ist, ein geschlossenes System als Konstrukt unseres Verstandes. Als “Objekt-Macher" sind seine Bilder aber die der lebenden Welt. Der Bruch in seiner Arbeit ist ein formaler Bruch, denn es findet nur eine Reduktion in der Vielfalt der Metaphern statt. Greer wird präziser in seinen Formulierungen, in der Sprache der Kunst. Ganz sicher ist seine neue Arbeit nicht traditionell im Ausdruck oder im Anliegen. Es ist ein Missverständnis, Greers neue Werke wegen des "altertümlichen" Materials als Schritt zurück zu bezeichnen. Vielmehr bemüht sich Greer, ein kollektives Gedächtnis im Ausdruck durch Form neu zu bewerten. Er öffnet sich für die Bewertung menschlicher Anliegen jenseits der Struktur von Zeit, im Reich der Zeitlosigkeit, ausgedrückt durch Intelligenz in Material. Sein Weg ist nicht der, der virtuellen Realität, sonder der eines wieder zurückgeführten Zustandes des menschlichen Verstandes, der seinen Platz in dem zugehörigen Körper einnimmt. Aus seinem Werk, das intelligente Verweise aus unseren geistigen Aktivitäten zieht, spricht die Vitalität des Lebens.

 

 

Bus Shelter in Halifax with retroActive poster!
Thinking Back to Gertrude and Henrie, 2015
Installation View retroActive with Threshold, 2015; Civilization, 1990/91; PaperMoney, 2012
Wait of Water by John Greer, 2014 Bay of Fundy Detail of Wait of Water, October 9th, 2014; retroActive tied up, tide down, looking back across the bay where the piece was first realized in 1972
National Gallery of Canada : THE PROUST QUESTIONNAIRE
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© John Greer