JOHN GREER
JOHN GREER

NIEMALS DASSELBE NACH DEN WORTEN

 

In dieser Ausstellung wählt John Greer bestimmte Werke um sie in einen neuen Zusammenhang zu stellen. Durch das Arrangement von Objekten verschiedener Zeitspannen nebeneinander unterstreicht er die Verbundenheit objektivierter Ideen, die eine vielschichtige Bedeutung reflektieren. Das "Neusein" eines Werkes ist für ihn kein Kriterium, sondern die Eigenschaft "aktuell" zu sein. Etwas Neues ist im nächsten Moment sowieso alt. Er spricht für einen Einblick in eine Thematik, der ein von uns kontrollierbares Werkzeug ist, eine angedeutete Vielfalt von Situationen, in der man seine Fähigkeit der Koordination gebrauchen kann.

 

In seinem Text, der die Ausstellung begleitet, vergleicht Dennis Gill die Methode mit der eines Märchenerzählers oder Orakels: "(...) Das Repertoire des Erzählers wird ständig geändert, um dem Publikum zu entsprechen. Bestimmte Punkte werden hier vielleicht verschönert und dort untergraben. Dies ist, wenn es richtig gemacht wird, nicht so sehr eine Angelegenheit, in der den Leuten gesagt wird, was sie hören wollen, sondern den Leuten wird gesagt, was am besten gehört werden sollte. (...)". (Dennis Gill)12

Der Künstler verpflichtet sich der mündlichen Überlieferung von Kultur und dem Glauben an Dinghaftigkeit; diese Ausstellung öffnet einen Weg, mit dem er seine Skepsis gegenüber dem blinden Glauben an den Fortschritt durch das geschriebene Wort artikulieren kann. Als Gegensatz zur Fähigkeit lesen und schreiben zu können, schlägt er Vielfalt vor, eine gesunde Neubetrachtung des Reduzierungsvorgangs, der sich vollzieht, wenn man etwas aufschreibt. Schreiben ist eine Art von Organisation, ein Ordnungssystem das eine Reduzierung der Möglichkeiten und somit eine Art von Verlust bedeutet. Der Glaube an eine generelle Richtigkeit des geschriebenen Wortes steht im Kontrast zu einer Veränderung zugunsten der persönlichen Relevanz. Der Italiener Michelangelo Pistoletto merkt an: "Eine eindeutige Sprache verlangt, dass man sich im vorne herein festlegt und an seine Verpflichtung hält. An die eigene Sprache glauben bedeutet, dass man die eigen Rolle spielt. Die Sprache steht als Fiktion zwischen uns und den anderen, einer Masse von Individuen, die sich selbst darstellen und bereit sind, unter der Regie anderer zu handeln." (Michelangelo Pistoletto)13

 

Es ist wichtig, uns selbst nicht in einen abstrakten Apparat oder in abstrakte Regeln zu projizieren. Nur mit unserer eigenen Art der Artikulation, die parallel zu anderen läuft, gelangt man zu einer zufriedenstellenden Realisierung. Verbunden mit Illusion und Dinglichkeit verwirrt Greer den Betrachter und verwickelt ihn in eine sofortige körperliche Reaktion, die durch Lesen geleitet wird. Durch den Gebrauch der bescheidensten bekannten Vorrichtungen leitet uns Greer mit gutmütigem Humor zu unserem persönlichen Weg. Die ausgestellten Werke veranlassen uns, über uns selbst nachzudenken, unsere Person in Beziehung zur Gesellschaft und in Relation zu der uns umgebenden Welt der Objekte zu platzieren.

 

Greers Vorrichtung für die Enthüllung der persönlichen Plazierung ist der Spiegel. "Neither here nor there" 1977/1990 (Weder hier noch dort) ist eine ziemlich kleine Spiegelkiste, die in Kopfhöhe an der Wand befestigt ist. Die Spiegelfläche ist in vier Teile zerteilt, die einander in einem Winkel berühren. Die Worte des Titels sind in die Spiegeloberfläche gesandstrahlt - je ein Wort pro Spiegel. Wenn man davorsteht, zeigt der Spiegel wider Erwarten das Bild nicht vor dem Besucher, sondern daneben. Das verwirrende Bild versetzt den Betrachter wortwörtlich, und zeigt ihn neben sich. "More than meets the eye" 1976/1984/1990 (Mehr als das Auge zeigt/ Wortspiel), ein augenförmiger Rahmen, der zwei Spiegel voneinander abgewinkelt an der Wand hält, ist eine Spiegelkonstruktion, in der es unmöglich ist, sich direkt anzusehen. Es ist ähnlich aufschlußreich wie das vorherige Werk. Sieht der Betrachter sein Spiegelbild im unteren Spiegel an, so sehen die Augen nach unten und sieht er in den oberen Spiegel, so sehen sie nach oben. Die für die optische Wahrnehmung wichtigsten Mittel, die Sinnesorgane der Identifikation, die Augen, scheinen manipuliert zu sein, als funktionierten sie außerhalb des Betrachters. "Still the world goes on" 1979/1990 (Die Welt geht immer noch weiter), besteht aus zwei Spiegeln, die nicht weit voneinander an der Wand hängen; auf dem ersten steht die Nachricht "the world goes on as if nothing has happened" (Die Welt geht weiter, als sei nichts geschehen), auf dem zweiten steht "and still the world goes on as if nothing has happened" (und die Welt geht immer noch weiter, als sei nichts geschehen). Greer hinterfragt hier die Wichtigkeit unserer Individualität (was auch Eitelkeit genannt werden könnte). Wir sind so auf unsere direkte Umwelt und persönlichen Sorgen fixiert, dass wir nicht in der Lage sind den ständigen Fluss der Welt zu erkennen. Wenn wir uns von einem Spiegel zum anderen bewegen, so ändert sich unser Zentrum der Wichtigkeit und was wir erwarten nicht im Spiegelbild, aber in der Zwischenzeit geht das Leben hinter unserem Rücken in seinem eigenen Rhythmus weiter. Wie sehr wir durch das Lesen manipuliert werden, zeigt das Werk "Read silently..." 1971/1990 (Lies lautlos …) ein Spiegel mit den o.g. Worten und darunter die Aufschrift: "I look like a little dog" (ich sehe aus wie ein kleiner Hund), in solch einem Winkel, dass der Betrachter den Kopf drehen muß, um es zu lesen. Auf die Worte fixiert dreht man den Kopf, bis man wirklich wie ein kleiner Hund aussieht, der auf Gesten beschränkt ist, um zu kommunizieren. Diese vier Werke sind Beispiele für Greers Bemühungen die Selbstwahrnehmung des Betrachters zu ändern.

Später diskutiere ich eingehender diese einfache, jedoch sehr grundlegende Forschung der Selbstreflektion, die als Medium den Spiegel benutzt.

 

Zwei weitere Werke in dieser Ausstellung konzentrieren sich mehr auf die Rolle des Einzelnen als ein soziales Wesen als Teil einer Gesellschaft. Der "WE/ME" (ich/wir) Stein 1983 ist ein flacher Sandstein. In der dunklen, polierten Oberfläche sind die Worte "we" (wir) und "me" (ich) in goldenen Buchstaben eingeschrieben. Die Symmetrieachse ist durch eine Linie gekennzeichnet. Indem er das Werk auf den Boden legt, benutzt Greer es als eine andere Art von Spiegel, basierend auf dem Wort "Welcome" (Willkommen) , das an die "klassische" Türmatte oder an einen antiken Prüfstein erinnert. Es offenbart die Schwelle, an der der Einzelne die Gruppe trifft, und es illustriert und erinnert dabei an die Reflektion des Einzelnen im Anderen: das Sehen der eigenen Person in Anderen als Akt der Integration. “Humble Ending, Sayonara" 1978/1990 (Demütigendes Ende, Sayonara) wirkt ähnlich in seinem Anliegen den Akt der Bescheidenheit zu reflektieren. Zwei kleine, polierte Steine mit dem Wort "sayonara", Kopf an Kopf angesetzt, leiten den Körper des Betrachters so, daß er die eigentliche Nachricht aktiv vervollständigen muss und daher in das Kunstwerk integriert wird. Es gibt eine Reihe von Werken, die von diesem Standpunkt aus verstanden werden können, was uns zu einem dritten Ansatz führt; nämlich die Stellung der eigenen Person in der Welt, oder, wie Greer die Überlegung erweitert, von der Welt.

 

In dieser Ausstellung zeigen zwei Werke seinen Ansatz zu dieser Positionierung, die auf intellektueller Ebene in den frühen Jahren verwurzelt sind. Disguised 1 and 2" 1970 sind Landkarten, 1. der Vereinigten Staaten, bezeichnet mit der Legende für eine Landkarte Südafrikas, 2. Südost-Asien, bezeichnet mit der Legende für eine Landkarte Australiens. "Durch die Kraft des Symbols (die Landkarte), erscheint es zuerst, als sei das falsche Zeichen (Beschriftung) zugeordnet. Nach Überlegung könnte es aber genauso gut die falsche Landkarte sein. Nicht allein das Symbol oder das Zeichen ist eine Sache, sondern beide repräsentieren die Sache. (...) Die Landkarte ist ein Symbol für ein Stück Land, das ein Teil des Universums ist, ohne Trennlinien. Der Betrachter ist wirklich derjenige, der mit der Landkarte isoliert ist. Die Landkarte ist das Werkzeug der Isolation." (John Greer)14. Der Künstler spricht für die Menschlichkeit und persönliche Autorität, wenn er unsere Geringschätzung für die Gefahr, die immanent in unserer Kapazität für eine intellektuelle Projektion der Realität in idealisierte Systeme ist, kritisiert. Unsere mentale Projektion isoliert die Fakten für eine verallgemeinernde Ansicht und geht mit der Realität so um, als sei sie eine erdachte, gefilmte Geschichte.

 

"Nine Grains of Rice" 1990 formen ein Werk, das eine Manifestierung dieser Angelegenheit durch einen anderen, wirklich skulpturalen Ansatz ist, was uns zu Greers Hauptwerken führt, die er in 1986 begann. Neun Marmor-Objekte bilden naturgetreu Reiskörner nach, sind aber für die Begegnung mit dem Menschen vergrößert und liegen verstreut direkt auf dem Boden. Die Kunstobjekte, in einem traditionellen Bildhauermaterial geschaffen, befinden sich im selben Raum wie der Betrachter, kein Sockel entfernt sie von der "Realität", und die Bildsprache verändert die Wahrnehmung des Betrachters hin zu einem Zustand der Spannung - zwischen Erkennen und Widerwillen oder Fremdheit.

 

In der folgenden Diskussion des umfassenden und vielfältigen Werks von John Greer, benutze ich eine ähnliche Struktur, wie sie beispielhaft während der Einführung dieser Ausstellung benutzt wurde. Sie deutet an, dass der Vorgang seiner Kunstschöpfung keiner schrittweisen Entwicklung unterliegt, sondern ein ikonoklastischer Ansatz ist, der auf zeitrelevanten Angelegenheiten basiert.

Meiner Meinung nach ist das Werk am ehesten zugänglich, wenn man es wörtlich durch die Positionierung des Selbst ansieht: denken - sein - zusammen mit anderen - von der Welt. Die dinglichen Manifestationen der Philosophie des Künstlers sind am verständlichsten, wenn wir daran denken, dass die Welt in unserem Inneren beginnt. "Das Gehirn ist der Kontrollturm" (Greer), und der Körper hält uns physikalisch am Boden. Bewusstes Wahrnehmen bedeutet, dass die Sinnesfunktionen mit dem Intellekt zusammenarbeiten; was in unserer kopflastigen Gesellschaft oft vergessen und unterdrückt wird.

 

Bus Shelter in Halifax with retroActive poster!
Thinking Back to Gertrude and Henrie, 2015
Installation View retroActive with Threshold, 2015; Civilization, 1990/91; PaperMoney, 2012
Wait of Water by John Greer, 2014 Bay of Fundy Detail of Wait of Water, October 9th, 2014; retroActive tied up, tide down, looking back across the bay where the piece was first realized in 1972
National Gallery of Canada : THE PROUST QUESTIONNAIRE
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