JOHN GREER
JOHN GREER

Objekte für Worte

 

"Indem wir einst die Dinge in Worte fassten, machten wir sie uns verfügbar, handlich und handelbar: Sprache war ein zweckmäßiges Material, die Fremdkörper der Welt, die uns umgeben, einzupacken und einzuwickeln und damit anzueignen und einzugemeinden: Wörter als Angelschnüre und Fangnetze also. Benennung und Benamung der Dinge (und ihre Aufnahme und alphabetische Auflistung in Lexika und Wörterbüchern) brachte Ordnung in die verwirrend-verwickelten Phänomene, bis schließlich auch noch die letzten weißen Flecken der Landkarten mit Worten bezeichnet, abgesteckt, eingezäunt waren, Sprache alles und jedes überzog und bedeckte." (Timm Ullrichs)45

 

Wir leben in einer Situation, in der alle Dinge durch Worte und Sprache abgedeckt sind, es ist sogar oft schwer, die Objekte hinter all der Metaphorik durch die sie umgebenden Worte wahrzunehmen. Kunst ist ein Medium, das darum bemüht ist, das Gleichgewicht zwischen Wort und Objekt wiederzufinden, sie zurück zu gleichen Rechten zu bringen.

 

In seinen Werken zwischen 1972 und 1978 sah Greer Kunst als ein Vermittler durch seine eigenen Mittel an, ein Medium für Benachrichtigung und Kommunikation. Kunst wird zum Ablauf, der zwischen dem sich artikulierenden Subjekt und dem Objekt liegt, das "Dinge ansprechen" soll. Er nahm das wörtlich und nahm Worte heraus, erfand Worte, indem er Worte wörtlich nahm, baute Wortobjekte, Objektworte, Objekt für Objekt für sein Wort. Er gab Worten ihre Substanz.

 

Im Hinblick auf diese visuellen Sprachstücke wird Greer normalerweise mit Marcel Duchamp in Verbindung gebracht. Diese Verbindung ist - zum Teil - korrekt. Greers Werke handeln von Idee und Zusammenhang her von der Realität - sie deuten Ironie und Provokation an. Er verwendet Materialien, die von einem alltäglichen Zusammenhang stammen, er benutzt sie aber, kombiniert sie, schafft sie neu, er gibt ihnen keine Ready-Made Qualität; sie sind wahre Erfindungen durch Sprache. In diesen Arbeiten sind die Ready-Mades die Worte, die Sprache, die er anwendet. Er spricht mit einer Bildsprache aus Worten, spricht mit Objekten, stellt die Macht der Sprache mit der Macht der Objekte infrage. Er zeigt uns, worüber wir sprechen und der Effekt ist ähnlich dem, was passiert, wenn man eine neue Sprache lernt: man entdeckt spezifische Bedeutungen seiner eigenen Sprache neu kennen. Abstrakte Begriffe befinden sich im Zusammenhang von dem Sie kommen, ergeben daher Sinn und verleugnen gleichzeitig den Sinn - denn sie sind als Kunstobjekte "nutzlos". Diese Objekte enthüllen den Mangel an Wissen und Bedeutung als ein Konstrukt der Sprache. Es gibt also auch Verbindungen zu Man Ray, denn sein Zweck war nicht die Negation des traditionellen Kunstwerkes, sondern eher das Finden und Erfinden mysteriöser Objekte. Durch die wahllose Kombination bekannter, alltäglicher Objekte wird dies sein kreatives Prinzip. Das Bekannte wird mit der ironischen Parodie seines Seins kombiniert, zusammen werden sie fast poetische Objekte.

 

Greer gräbt das Subjekt der Sprache aus und durch dessen Korrektheit der Bedeutung und des Sinnes, den die Dinge ergaben - in Bezug auf praktischen Verstand und subtile Ironie - konfrontiert er den Betrachter mit humorvollen, kleinen, aber tiefschürfenden Ärgernissen des täglichen Lebens. Er stellt verschiedene Ebenen der Bedeutung dar und geht weit darüber hinaus, was Sprache selbst enthüllt.

 

Sprache wird betrachtet und funktioniert tatsächlich als Konstrukt mit dem Potenzial als Waffe oder Werkzeug verwendet zu werden. Greer schickt uns zurück zu den Wurzeln mit seinen Exkursionen in die Objektsprache. In seinem Ansatz an das Kunstobjekt wird die Wichtigkeit auf die Bekanntheit der benutzten Objekte und deren Zusammenhang verschoben, sodass sie als Ding-Metamorphose erscheinen können, die das Bekannte mit dem ironischen Paradox seiner "Bekanntheit" verbindet. Greer versucht die Verbindung zwischen der Welt der Kunst und der Welt des Seins, die Sprache zwischen den Individuen benutzt, zu verkürzen. Skulptur überschreitet hier die Barriere zwischen Objekt und Subjekt. Das ist eine öffentliche Handlung, beinhaltet aber die Möglichkeit ein Teil der Subjektivität des Betrachters zu werden.

 

Der blinde Gebrauch der Sprache, des Bilds und des Objekts reduziert uns zu Marionetten - wir verweigern die Verantwortlichkeit für unser Sein. Das wiederum macht es uns unmöglich mit anderen umzugehen, es reduziert unsere Lebensbedingungen auf bloße Reflexzonen-Bedingungen - ein gefährlicher Zustand menschlichen Verfalls.

 

Die Objekte benutzen den Platz in einem Galerieraum und setzen ihn in Relation zu den täglichen Erfahrungen der Betrachter. Die Kunsterfahrung durch Kunstobjekte, die nicht wie Kunst aussehen wird hier zur Erfahrung aus erster Hand, die zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft liegt. Sie gewinnt an Relevanz zum Leben durch die Beteiligung des Betrachters. "Wesentlich ist dabei der Handlungsbezug: ein Objekt appelliert, anders als ein Bild oder eine Skulptur, an die Bereitschaft, mit ihm umzugehen - visuell, haptisch oder dann in fast körperlicher Auseinandersetzung mit seinem symbolischen oder konzeptuellen Wesen. Dabei verändert sich der Handlungsbezug zu einer Mobilisierung von Verhalten und geistiger Einstellung, die wiederum gerade der sich immer stärker verändernden wissenschaftlichen, technischen und sozialen Realität des Jahrhunderts gemäß ist." (Franz Meyer)46

 

Mit seinen frühen Sprachobjekten hilft John Greer dem Betrachter sich von der fast mechanischen Wahrnehmung der Dinge zu lösen und materialisiert witzige Unterschriften von Wortsituationen, die früher benutzt wurden, um die Beziehungen zwischen Mensch und Ding zu klären und zu rekonstruieren. Auf eine sehr enthüllende Art bringt er die Objekte zurück zum Menschen, teilt die Objekte ihren Zeichen zu und stellt unsere Gewohnheiten der Wahrnehmung dar - er bringt sie in einen Diskurs, als das "Gewöhnliche" in einer künstlerischen Situation.

 

 

Bus Shelter in Halifax with retroActive poster!
Thinking Back to Gertrude and Henrie, 2015
Installation View retroActive with Threshold, 2015; Civilization, 1990/91; PaperMoney, 2012
Wait of Water by John Greer, 2014 Bay of Fundy Detail of Wait of Water, October 9th, 2014; retroActive tied up, tide down, looking back across the bay where the piece was first realized in 1972
National Gallery of Canada : THE PROUST QUESTIONNAIRE
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