JOHN GREER
JOHN GREER

KUNST MACHEN VERSTÄNDLICH MACHEN

"Die sinnvolle Beteiligung an Kunst ermöglicht es uns hoffentlich, die Welt, in der wir uns befinden, verständlich zu machen. Der Preis der Kunst, nämlich das Leben selbst, ihr Wert, ist offensichtlich - ein Beweis des Selbst.­" John ­Greer1

 

Sieht man sich die Kunstwerke von John Greer an, so ist man zuerst irritiert, wenn man versucht, sein Schaffen im Sinne von Stil, Material und Inhalt zu kategorisieren, und dabei nicht in der Lage ist, die Kategorien zu finden, die zu ihm passt. Auf den ersten Blick scheint es, dass seine Werke, die in den siebziger und frühen achtziger Jahren entstanden sind, mit denen, die seitdem sein Werk ausmachen, nicht in direkter Verbindung stehen. In diesem Katalog argumentiere ich, dass diese Verbindung sehr wohl besteht. Seine frühen Arbeiten sind “skulpturale Konzepte” und seine neuesten Arbeiten sind “konzeptuelle Skulpturen”.

John Greer hat in seiner Arbeit seine eigene Sprache definiert, die sich auf die ständige Hinterfragung der Position des Selbst bezieht. Sein – als Individuum – von der Welt – auf der Welt – denkend.

 

"Er übernimmt Verantwortung für die Art und Weise, wie er auf der Welt ist, durch seine Formgebung und Gestaltung. Die Begegnung mit seinen Kunstwerken stellt uns als Teilnehmer in eine ähnliche Position der Verantwortung." Dennis ­Gill (in einem Gespräch mit der Autorin, Juni 1996).

 

Was in Verbindung mit dem ganzen Werk abzulesen ist, ist dass es John Greer in der Schaffung von Kunst nicht um Antworten geht, sondern um den Ablauf von Forschung, um die Stellung von intelligenten Fragen.

"Kunst ermöglicht es uns, unser Verständnis der Welt durch die Artikulierung von Ideen und Gedankengebäuden der Welt durch Formen und Bilder zu manifestieren. Kunst ist die Verbindung der subjektiv erlebten Wahrnehmung mit der visuellen Sprache unserer Zeit.” John Greer (Zitat von 1995).

 

John Greer hat mit Malerei angefangen, hat dann aber bald dieses Medium beiseitegelegt (er nennt sich zu der Zeit einen “frustrierten Maler”) um seine Aufmerksamkeit der Schaffung von Objektinstallationen zu widmen, bei denen er eine große Anzahl verschiedener Materialien die im täglichen Leben vorkommen, sowie Sprache (Wortspiele), Fotografien, Holografien, technische Vorrichtungen und den Glauben an den gesunden Menschenverstand, sowie die "(­Ver)Antwortung" (*1) benutzt, um Ausstellungen zu schaffen, die "uns wie ein Netz umgeben”. (Michael ­Fernandes im Gespräch mit der Autorin, Juni 1996).

 

Greer visualisiert Bedenken und belehrt den Betrachter, indem er ihm erlaubt, einer Spur durch seine Umgebung zu folgen. Seine Werke sind eine Erweiterung ­Duchamps' Beurteilung des Betrachters als Teil des "Kunstkoeffizienten". "Es ist nicht der Künstler allein, der den schöpferischen Akt bis zum Ende vollzieht, denn der Betrachter erst stellt den Kontakt des Werkes mit der Außenwelt her, indem er die ihm innewohnenden Werte entziffert und interpretiert und so einen eigenen Beitrag zum schöpferischen Vorgang leistet." Marcel ­Duchamp (Katalog "Kinetische Kunst", Kunstgewerbemuseum Zürich 1960). Mit dem interessierten Betrachten eines Kunstobjekts vervollständigt der Betrachter den Austauschprozess innerhalb von John ­Greer’s Objektinstallationen. Er wird ermuntert, diesen Vorgang fertigzustellen, eine Investition zu leisten, die nicht erniedrigend oder täuschend ist, sondern die "uns mit einem besseren, inneren Gefühl gehen lässt." (Dennis ­Gill im Gespräch mit der Autorin, Juni 1996).

 

Im Gegensatz zu dem, was sich zu diesem Zeitpunkt auf der internationalen Ebene abspielte, nämlich Minimalismus und Pop Art, beschäftigte Greer sich mit Illusionen, indem er den physikalischen Spielplatz des Gehirns und dessen Grenzen als intellektuelles Werkzeug untersuchte. Dieser Ansatz manifestiert eine Sympathie zu dem Verständnis der philosophischen Ideen Yves Klein’s. Hannah Weitemeier schreibt über Klein: "Anders als der eher mentale Kunstraum in den Erfindungen von Marcel Duchamp scheint der anthropomorphe Ansatz bei einem Künstler wie Yves Klein in der Mitte zu ruhen. So als gelte es, eine dynamische Harmonisierung zu versuchen, den Menschen mit seinem Sinnespotenzial so weit zu bringen, dass er die gleiche gesunde Grundordnung, die in seinem körperlichen Organismus wirkt, auch in dem erkennt, was er als die Außenwelt betrachtet.­" (aus: Yves Klein 1928 - 1962, Benedikt Taschen Verlag, 1994). Diese Neuorientierung des Körpers des Betrachters durch ein körperliches Ansprechen seiner geistigen Fähigkeiten ist in ähnlicher Form in Greer’s Werken zu sehen.

 

Mit seiner introspektiven Forschung in das Leben selbst entwickelte Greer ein Gefühl für die Platzierung des Selbst als Antwort zur Gesellschaft und begann, eine mehr skulpturale Sprache anzunehmen, um seine Anliegen auszudrücken. Die Symbolik bezüglich der Wahl der Materialien, mit denen er Ende der Siebziger, Anfang der achtziger Jahre anfing zu arbeiten, war der Parameter für eine mehr generelle, jedoch zunächst sehr unkonventionelle Art den Betrachter beständig mit der Ansicht aller Feinheiten des Selbst als ein soziales, objektiviertes Wesen zu konfrontieren. Wenn man die formale Manifestierung bedenkt, so erinnert sie an die europäischen ­Arte ­Povera-Künstler, die von einem Grundsatz ausgehen, der ein ähnliches Verständnis hat. "Es ist eine Kunst, die in der sprachlichen und visuellen Anarchie, im fortwährenden methodischen behavioristischen Nomadentum den höchsten Grad schöpferischer Freiheit findet. Sie regt dazu an, den eigenen (geistigen und körperlichen) Existenzgrad ständig zu überprüfen und sie spürt die dringende Notwendigkeit, den Betrachtern den "zauberhaften" tarnenden Schleier vor den Augen wegzureißen, um sie zur geistigen und körperlichen Eigenart jeder menschlichen Handlung zurückzuführen, die eine zu ergänzende und zu beurteilende Einheit darstellt." Germano Gelant (Arte Povera, Wiese Verlag Basel 1989)8

 

Der mehr spezifisch skulpturale Ansatz ging Hand in Hand mit den witzigen und humorvollen Objektzusammenspiel-Situationen, verdinglichte jedoch eine Skepsis und wurde in der Mitte der achtziger Jahre oftmals zynisch. Zu einem Zeitpunkt, in dem viele andere Künstler sich einem politischen oder sozial-engagierten Standpunkt zuwendeten, oder zum anderen Extrem flüchteten, das durch die "Kunst der Kunst zuliebe" - Mentalität veranschaulicht wurde, entschied John Greer sich dazu, sich für Kunst als Vermittler zwischen der Person und der Welt, in der wir uns befinden, zu engagieren. "In der Mitte der achtziger Jahre, als der Kalte Krieg seinen Höhepunkt erreicht hatte, hatte ich genug davon, zynisch zu sein. Gleichzeitig gab es eine Veränderung in meinem Denken..." John Greer9 (im Gespräch mit der Autorin, 1997).

Skulpturen wurden John Greers Sprache, um den primären, tief sitzenden Glauben an das Leben auszudrücken. Objekte sprechen durch einen Symbolismus von Bild und Material, während sie eine lineare Geschichte verleugnen. Greer stellt noch immer Fragen, aber dies sind die Fragen eines Wissenschaftlers, der weiß, dass jeder Schritt, der ihn der Antwort näher bringt, ein Universum von neuen Wundern und Fragen eröffnet. Mit Wissen und Respekt für Kunst- und Kulturgeschichte benutzt er ihre Elemente zu seinem eigenen Vorteil. Er benutzt ein System, das an Jonathan Swifts Erklärungen in "Gullivers Reisen" erinnert. Bei einem Besuch in der Akademie von Lagado beschreibt Gulliver das Projekt eines Professors, die theoretischen Wissenschaften durch praktische und mechanische Methoden zu verbessern. Er wollte "mit geringen Kosten und geringem physikalischen Aufwand sogar dem ungebildetsten die Möglichkeit geben, Bücher über Philosophie, Poesie, Mathematik und Theologie zu schreiben, ohne die Hilfe eines Genies und ohne irgendwelche Studien." Ein 20"x20" Rahmen mit unzählbaren Holzklötzen, die einzeln durch Draht verbunden und mittels 40 Hebeln beweglich und mit allen Worten der nationalen Sprache beschriftet waren, könnte mit jeder (Laune (Modus), Zeit und Deklination) jongliert werden, um einen gesamten Einblick in alle Künste und Wissenschaften zu erreichen.

Andere Professoren waren damit beschäftigt, Worte ganz abzuschaffen, "... denn es ist klar, dass jedes von uns gesprochene Wort eine Verminderung unserer Lungen bewirkt und, da es sie abnutzt und aus diesem Grunde auch die Verkürzung des Lebens zur Folge hat ...". Da alle Worte Objekte bezeichnen, ist es einfacher, diese Dinge mit uns zu tragen, "(...) Wenn sie sich in den Straßen begegneten, legten sie Ihre Last nieder, öffneten ihre Säcke und unterhielten sich wohl eine Stunde lang miteinander; alsdann packten sie ihre Geräte wieder ein, halfen einander, ihre Last wieder auf den Rücken zu nehmen, und empfahlen sich. Für ein kurzes Gespräch aber kann jeder seinen Bedarf in der Tasche oder unter dem Arme tragen, und zu Hause kann niemand in Verlegenheit kommen. Deshalb ist auch das Zimmer, wo Leute zusammenkommen, die diese Kunst ausüben, mit allen Dingen angefüllt, welche Stoff zu diesem künstlichen Gespräch darbieten." (Jonathan Swift, Gullivers Reisen, Aufbau Verlag Berlin, 1960, Teil 3, Kapitel 5)10. Die Wichtigkeit der Objekte in der beschriebenen Szene hat Ähnlichkeit mit der Sensibilität, die man in Greers Behandlung von Objekten findet. Seine weiterführenden Werke haben ein System entwickelt, das auf gründlicher Forschung basiert. John Greer spricht eine Sprache, die er selbst mit einem bekannten und zugänglichen Bild für einen engagierten Betrachter definiert hat.

In 1990 hatte Greer zwei Einzelausstellungen in Kanada, mit dem Titel "Reconciliation" (Wiedergutmachung) und "Never the same after words" (Niemals dasselbe nach den Worten). Beide Ausstellungen sind ein Beweis für seine Beteiligun in einem Prozess des Kunstmachens der von einem kontinuierlichen Fluss von Informationen genährt wird. Dieser Prozess wird definiert von der Bestätigung der Pluralität der zeitgenössischen Aspekte. Da er sich des formalen Bruches seines Werkes bewusst ist, und dennoch Aspekte, die seine Gedanken zu einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Leben beschäftigt haben, wieder neu bedenkt, benutzt er ältere Werke - sei es in Inhalt oder Material - neben seinen neuen Skulpturen. Er bietet dem Betrachter an ihm zu folgen, und gleichzeitig provoziert er einen Balanceakt: Er provoziert unsere Kapazität der intellektuellen Betrachtung, indem er die Auseinandersetzung mit der Illusion spielerisch überwindet, um uns wieder in die Grenzen unseres menschlichen Körpers fallen zu lassen.

 

"Das Werk eines Künstlers ist immer in Bewegung; die älteren Arbeiten sind mehr rückwirkend (retro-aktiv) als rückblickend (retrospektiv), bis dieser Künstler nicht mehr arbeitet. Es ist ein Fehler, Kunstwerke schlicht als fertige Produkte anzusehen, wie andere Produkte unserer Gesellschaft. Kunst muss zeitgemäß sein, darf aber nicht mit Mode verwechselt werden.

 

... Kunstobjekte sind Manifestierungen komplexer Ideen - Ideen, die in Form umgesetzt worden sind, und deren relative Position flexibel bleiben muss. Kunstobjekte sind anders als solche Dinge wie Styroporbecher. Der Grund für ihre Entstehung ist nicht, einen Bedarf zu decken, sondern, uns zu helfen, unsere Beziehung zu, und unseren Platz in der Welt zu verstehen." (John Greer, in einem Zitat von 1990.)

Bus Shelter in Halifax with retroActive poster!
Thinking Back to Gertrude and Henrie, 2015
Installation View retroActive with Threshold, 2015; Civilization, 1990/91; PaperMoney, 2012
Wait of Water by John Greer, 2014 Bay of Fundy Detail of Wait of Water, October 9th, 2014; retroActive tied up, tide down, looking back across the bay where the piece was first realized in 1972
National Gallery of Canada : THE PROUST QUESTIONNAIRE
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